Exkursion 1/2019

Exkursion des Siegerländer Heimat- und Geschichtsvereins nach Essen zur Zeche Zollverein und zur Münsterkirche, dem Essener Dom

Am 29. Juni starteten 24 Vereinsmitglieder frühmorgens von Siegen aus in Richtung Ruhrgebiet. Ziel der Busfahrt war Essen und hier zunächst die stillgelegte Zeche Zollverein mit der zugehörigen ehemaligen Kokerei Zollverein. Anfangs wurde das Gelände auf einer einstündigen Rundtour mit fachkundigen Erläuterungen im offenen Elektrobus erkundet. Teilbereiche von Schacht XII, der Gründerschachtanlage 1/2/8, der Kokerei und des Skulpturenwaldes wurden dabei passiert. Unterwegs erfuhren die Besucher, dass bereits 1847 der Unternehmer und Industriepionier Franz Haniel hier im Essener Norden den ersten Schacht für die Steinkohlenförderung abteufen ließ.

Zeche Zollverein – Schacht XII

Mit der Gestaltung des Zechenkomplexes Zollverein Schacht XII waren die beiden jungen Architekten Fritz Schupp (1896 - 1974) und Martin Kremmer (1894 - 1945) beauftragt worden. Am 1. Februar 1932 drehten sich zum ersten Mal die Räder am Fördergerüst über der neuen Schachthalle XII. Hier ging damals ein industrieller Hochleistungskomplex mit weitgehend automatisierten und komplett durchrationalisierten Arbeitsabläufen in Betrieb, der sich an dem Prinzip der aus Amerika importierten Fließbandproduktion orientierte. Das Bergwerk galt von nun an als das größte und leistungsfähigste weltweit. 1972 erreichte Schacht XII seine endgültige Tiefe von circa 1.000 Metern. Tag für Tag wurden mehr als 23.000 Tonnen Rohkohle ans Tageslicht geholt – eine Förderleistung, die der vierfachen Menge einer durchschnittlichen Revierzeche entsprach. Während der gesamten Betriebszeit wurden zwischen 1851 und 1986 insgesamt 240 Millionen Tonnen Kohle abgebaut. Über und unter Tage waren bis zu 8.000 Bergleute im Schichtwechsel beschäftigt, insgesamt haben bis zur Schließung der Zeche Zollverein am 23. Dezember 1986 als letzte von rund 290 Zechen in Essen, der ehemals größten Bergbaustadt Europas, mehr als 600.000 Menschen auf Zollverein gearbeitet. „Schönste Zeche des Ruhrgebiets“, „Wunderwerk der Technik“, „Kathedrale der Industriekultur“ – Zollverein war schon immer ein Ort der Superlative.

Die Kokerei Zollverein

Im gleichen Stil wurde von 1957 bis 1961 – ebenfalls nach Plänen von Fritz Schupp – die Kokerei Zollverein westlich von Schacht XII gebaut und am 12. September 1961 in Betrieb genommen. Auch die Kokerei schuf Produktionskapazitäten der Superlative. Nach ihrer Erweiterung in den 1970er Jahren wurden auf der „schwarzen Seite“ in 304 Öfen bei 1.250 Grad täglich 10.000 Tonnen Kohle zu 8.600 Tonnen Koks „gebacken“. Die dabei entstehenden Gase wurden auf der „weißen Seite“ zu Ammoniak, Rohbenzol und Teer weiterverarbeitet. In Spitzenzeiten hatte die Kokerei 1.000 Mitarbeiter. Als letzte noch aktive Zollverein-Produktionsanlage wurde sie 1993 stillgelegt.

Erhalt des Denkmals durch Umnutzung

Bereits am 16. Dezember 1986 war das einzigartige Ensemble der Bergbauarchitektur unter Denkmalschutz gestellt und auf diese Weise vor dem Abriss gerettet worden. 1989 begann auf der Schachtanlage XII die erste Sanierungsphase für eine Neunutzung der Hallen und Gebäude, die sich konsequent an dem Prinzip „Erhalt durch Umnutzung“ orientierte. Unter anderem entstand in der ehemaligen Kompressorenhalle 1996 das Casino Zollverein, das bis heute als eine der außergewöhnlichsten Restaurant-Locations des Ruhrgebiets gilt. 1997 konnte das Design Zentrum Nordrhein Westfalen in das ehemalige Kesselhaus ziehen, das von dem britischen Architekten Norman Foster in einen außergewöhnlichen Ort für Veranstaltungen und Präsentationen umgebaut worden war und heute das Red Dot Design Museum beherbergt. 1999 wurde Zollverein zentraler Ankerpunkt der neu geschaffenen Route der Industriekultur – einem 400 Kilometer langen Straßenrundkurs, der das industriekulturelle Erbe der Region touristisch erschließt.

Mit der Ausstellung „Sonne, Mond und Sterne“ in der spektakulär umgebauten Mischanlage wurden große Bereiche der Kokerei Zollverein erstmals öffentlich zugänglich. Insgesamt 300.000 Besucher sahen diese Ausstellung in den Jahren 1999 und 2000.

Darüber hinaus waren es in dieser Pionierphase vor allem Künstler und Kreative, die Zollverein als inspirierenden Ort entdeckten und die ersten sanierten Hallen bezogen. Heute können Spaziergänger im Skulpturenwald auf der Halde zwischen der Schachtanlage XII und der Kokerei einige Kunstwerke des Bildhauers Ulrich Rückriem entdecken, darunter die monumentale Granitskulptur „Castell“.

Strukturwandel: Industriekultur und Tourismus

Die Ernennung der stillgelegten Zeche und Kokerei Zollverein zum UNESCO-Welterbe 2001 war zugleich der Startschuss für den weiteren Ausbau des Gesamtgeländes. Der Architekt Rem Koolhaas entwickelte 2002 einen Masterplan für die Umgestaltung des Standortes in einen lebendigen Kultur- und Wirtschaftsstandort. Der Um- und Ausbau der Kohlenwäsche zum Ausstellungsraum für das Ruhr Museum und Ruhr.Visitorcenter Essen wurde bis 2010 als erste bauliche Infrastruktur-Maßnahmen verwirklicht. Seitdem besuchen 1,5 Millionen Touristen jährlich das Welterbe Zollverein. 2010, als das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas war, verzeichnete das Welterbe Zollverein die Rekordbesucherzahl von 2,2 Millionen Gästen.

Im Anschluss an die Elektrobus-Rundfahrt konnte das Zollverein-Gelände zu Fuß erkundet werden. Im Café & Restaurant „die kokerei“ wartete zur Mittagszeit ein warmes Buffet auf die Siegerländer Gäste. Gut gestärkt ging es dann mit dem Bus weiter in die Essener Innenstadt zum fußläufig vom Hauptbahnhof aus angesteuerten Essener Dom. Der Nachmittag stand hier zur freien Verfügung. Mehrere im 1958 errichteten Ruhrbistum Essen ansässige kirchliche Institutionen veranstalteten hier auf dem Domhof und in der benachbarten Fußgängerzone ein Sommerfest mit Flohmarkt. Der Essener Dom und die benachbarte Anbetungskirche St. Johann standen den Besuchern offen.

Der Essener Dom

Der Essener Dom, auch Essener Münster genannt, blickt auf eine rund 1150-jährige Geschichte zurück. Um 850 gründete der sächsische Adlige Altfrid, der vierte Bischof von Hildesheim, mit einigen Verwandten nur wenige Kilometer nördlich des um 800 entstandenen Männerklosters Werden eine religiöse Gemeinschaft für Mädchen und Frauen des sächsischen Adels: das Stift Essen. Dieses gehörte im frühen und hohen Mittelalter zu den herausragenden religiösen Institutionen für Frauen im Deutschen Reich. Die erste Stiftskirche wurde bis 870 errichtet. Nach mehreren Zerstörungen steht heute der vierte Bau an dieser Stelle. Altfrid wurde nach seinem Tod 874 in der Essener Stiftskirche bestattet, sein Grab befindet sich heute in der Altfridkrypta (Ostkrypta). Im 10. und 11. Jahrhundert gaben die Äbtissinnen kostbare Kunstwerke in Auftrag, die bis heute zum Schatz der Kirche gehören und in der Domschatzkammer gezeigt werden. Die religiöse Frauengemeinschaft war die Keimzelle der heutigen Stadt Essen. Um das Stift herum wuchs eine Siedlung, die im 13. Jahrhundert Stadtrechte erlangte. Im Zuge der Säkularisation wurde das Stift Essen aufgelöst und die ehemalige Stiftskirche Ss. Cosmas und Damian wurde 1803 zusammen mit der Johanniskirche, dem Atrium und dem Kreuzgang der Pfarre St. Johann übergeben. Seit 1935 dient die Johanniskirche als Anbetungskirche dem stillen Gebet vor dem in einer Monstranz ausgesetzten Allerheiligsten. Das Essener Münster, die 1943 und 1945 von Bomben getroffene und stark beschädigte Hauptpfarrkirche der Großstadt Essen, wurde bis 1957 wiederhergestellt und schließlich mit der Gründung des Bistums Essen 1958 zur Kathedralkirche ernannt. Die (Erz-)Bistümer Köln, Münster und Paderborn traten einen Teil ihrer Gebiete für das neue Ruhrbistum ab. Zum ersten Bischof ernannte Papst Pius XII. am 18. November 1957 den Paderborner Weihbischof Franz Hengsbach (1910 - 1991). Maria, Mutter Jesu Christi, war zunächst gemeinsam mit den Heiligen Cosmas und Damian Patronin der Stiftskirche. Heute sind Patrone der Domkirche nur noch Cosmas und Damian. Maria hingegen ist 1959 als „Mutter vom Guten Rat“ in Gestalt der im Essener Dom verehrten „Goldenen Madonna“ zu Patronin des Bistums Essen geworden.

Jüngste bauliche Veränderungen waren der Bau der „Adveniat-Krypta“ genannten Westkrypta unter dem Atrium in den Jahren 1981 bis 1983, die Einrichtung der östlichen Kapelle im südlichen Seitenschiff als Erinnerungsstätte für den von den Nationalsozialisten ermordeten Nikolaus Groß 2004 und die Umgestaltung der Orgelempore beim Einbau der neuen Orgel im selben Jahr.

Am frühen Abend erfolgte nach einem sehr heißen, aber auch sehr abwechslungsreichen und informativen Tag die gemeinsame Heimfahrt ins Siegerland.

 
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